Donnerstag, 22. Dezember 2016

Maria als Mestizin - Maria die Kulturen Verbindende

Maria, Jungfrau und "Göttin"
Basilika Guadelupe
Mexiko-Stadt
Abbild auf dem Mantel

San Diegos
(Wikipedia)
Präsentationen religiös-interkultureller Begegnungen zwischen Spanien und Lateinamerika

Im Rahmen der vom WDR organisierten Tagen Alter Musik in Herne 2016 trat auch das Conjunto de Música Antiqua Ars Longa aus Havanna auf. Dieses Ensemble spielte und sang unter dem Titel "Maria als Mestizin" mitreißend begeisternd Musik des 17. und frühen 18. Jahrhundert. Nicht nur musikalisch, sondern auch interkulturell wurde hier eine Brücke zwischen den christlich-religiösen Traditionen der Iberischen Halbinsel und ihren Inkulturationen in Lateinamerika sichtbar und hörbar. So entwickelte sich in der "Neuen Welt" zwar eine christliche, aber doch eigenständige Religiosität, in die viele Elemente der indianischen Kulturen einflossen.
Im Programmbuch zu den Intentionen ihrer Darbietung schreibt die Leiterin des Ars Longa-Ensembles, die SopranistinTeresa Paz:
"Im Marienkult zeigt sich am deutlichsten, wie die wichtigsten kulturellen Wurzeln des kolonialen Lateinamerikas - das Indigene, das Spanische und das Afrikanische - in der Verehrung des Weiblichen zusammenfanden" (S. 82).
Auch wenn die Kolonisatoren und ihre Nachfolger (mit den sog. Vizekönigen) ein System von Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen etablierten, so kam es dennoch zu einem fruchtbaren Austausch christlicher und indigener Religionstraditionen. Sie gipfeln in den Marienheiligtümern von Guadelupe (Mexiko), Chiquinquirá (Kolumbien), Quinche (Ecuador), Topo (Kolumbien), Caacupé (Paraguay), Coromoto (Venezuela), Cobre (Kuba), Suyapa (Honduras), Aparecida (Brasilien).
In besonderer, auch menschenwürdiger Weise, machten sich die Jesuiten verdient, weil sie die kulturellen Besonderheiten der indigenen Völker in ihre Missionstätigkeit integrierten und für damalige Verhältnisse sorgsam handelten.
Die später (gewaltsam) aufgelösten Jesuitenreduktionen sind dafür ein herausragendes Beispiel. Teresa Paz schreibt dazu: "Wie sich in der Epoche der Vizekönigtümer die westliche Kultur mit den Indio-Kulturen verband, ist im damaligen Repertoire der städtischen Kathedralen ebenso nachzuverfolgen wie in den >Reduccionales< - ländlichen Missionsniederlassungen des Jesuitenordens. Den Jesuiten gelang es, ein effektives Sytem der Indoktrination zu etablieren, in dem die Musik eine wesentliche Rolle spielte" (S. 84).


Conjunto Musica Antiqua Ars Longa aus Havanna am 12.11.2016 in der Kreuzkirche Herne

Das Conjunto aus Havanna stellt darum nicht nur faszinierend anzuhörende Musik der Barockzeit vor, sondern dokumentiert damit auch, welcher Reichtum an interkulturellen Verbindungselementen Europa-Lateinamerika in den kirchlichen Archiven Mittel- und Südamerikas (noch) zu finden ist. Es ist gewissermaßen ein barockes Musiknetzwerk, das einen ganzen Kontinent umfasst.
Lanchas para baylar [Boote, um zu tanzen]
Aus:  
Codex Baltazar Martínez Compa
ñon,
Madrid, Biblioteca Nacional de Espa
ña

Das kompetent und erfrischend zugleich agierende Ensemble Ars Longa aus Havanna brachte in Herne viele anonyme Gesangstexte zu Gehör. Die Manuskripte spiegeln indigen-beeinflusste Autoren,  aber ebenso spanisch geprägte Komponisten. Viele der Zuhörenden dürften die Namen dieser musikalischen Persönlichkeiten zum ersten Mal vernommen haben. Es lohnt sich auch künftig, solche interreligiös-interkulturelle Zeitreisen nachzuerleben. Hoffentlich wird man in Deutschland dieses kubanische Ensemble öfters hören.

Beispiel eines anonym überlieferten Gesangstextes: 


Musikalische Kostproben (YouTube)
Literaturhinweis / Textquelle:
WDR / Stadt Herne (Hg.):
Tage Alter Musik in Herne 13.11.-16.11.2016 - Hommage.
Musikalische Widmungen und Ehrenbezeigungen zwischen Mittelalter und Romantik. 

Herne 2016, 225 S., Abb. (Gesangstext aaO S. 96)

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