Dienstag, 30. Mai 2017

Claudia Bickmann - im Horizont der Weltphilosophien

Die Philosophin Prof. Dr. Claudia Bickmann
(22.08.1952 - 30.04.2017) gehörte zu den  Promotorinnen geisteswissenschaftlichen Denkens mit interkultureller Ausrichtung. Seit 2002 hatte sie den Lehrstuhl für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionsphilosophie/Metaphysik, Ästhetik, Sprachphilosophie und Interkulturellen Philosophie inne. 
Details: hier 
2003-2004 war sie Geschäftsführende Direktorin des Philosophischen Seminars der Universität zu Köln. Insgesamt entstand hier eine Werkstatt interkulturellen Lernens im Kontext von Orient und Okzident.
Die Horizonterweiterungen durch ihre Gastprofessuren in Ägypten: (Kairo, El Menya, Alexandria) und in Indien (Neu-Delhi) verschärften den Blick in orientalisches Denken, während ihr Gastaufenthalt an der Prager Universität den Blick nach Osteuropa erweiterte. Dies alles floss in ihr aktives interkulturell-philosophisches Lehren und Forschen ein. Diese Prägungen wirkten weiter - in ihrer Zeit als Präsidentin der Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie (GIP) von 2004 - 2016,  im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGPhil) von 2006 - 2011 und in der International Confucius Association (ICA) in Peking. Als Philosophin setzte sie sich dabei intensiv mit dem Verhältnis von Religion und Philosophie auseinander. Damit schlug sie auch eine wichtige Brücke zwischen Philosophie, Theologie und Religionswissenschaft. Ihre Untersuchungen zu Immanuel Kant wirkten dabei wie ein Orientierungskompass.
Das erinnert übrigens in manchem an den islamischen Religionsphilosophen und Islamwissenschaftler Abdoldjavad Falaturi (1926-1996), ebenfalls von der Universität Köln.


Claudia Bickmanns Veröffentlichungen bringen sehr deutlich die Korrelationen zwischen Religion und Philosophie in ihren kulturellen Grenzüberschreitungen zum Ausdruck. Dies zeigt sich am deutlichsten in der intensiven Mitwirkung an der Buchreihe des Bautz-Verlages Weltphilosophien im Gespräch.
Überblick über alle Bände, Inhaltsverzeichnisse und Leseproben: hier


Veröffentlichungen in Auswahl
  • Der Gattungsbegriff im Spannungsfeld zwischen historischer Betrachtung und Systementwurf.
    Eine Auseinandersetzung mit der gattungstheoretischen Forschung
    an ausgewählten Beispielen literaturwissenschaftlicher Theoriebildung im 20. Jahrhundert.
    Frankfurt /M. u.a.: Peter Lang 1984
  • Tradition und Traditionsbruch zwischen Skepsis und Dogmatik, (Kongressband). Amsterdam, New York: Rodopi 2006
    Hg. gemeinsam mit Hermann-Josef Scheidgen, Tobias Voßhenrich und Markus Wirtz.
    Mehr Infos mit Inhaltsverzeichnis: hier
  • Immanuel Kants Weltphilosophie. Bautz: Nordhausen 2006
  • Religion und Philosophie im Widerstreit? Bd. II.
    Gemeinsam mit Markus Wirtz. Nordhausen: Bautz 2008 
  • Rationalität und Spiritualität. Weltphilosophien im Gespräch, Bd. 1.
     Hg. mit Tobias Voßhenrich, Hermann-Josef Scheidgen, Markus Wirtz.
    Nordhausen: Bautz 2009

    Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier
  • Selbstverhältnis im Weltbezug, Teil I.
    Weltphilosophien im Gespräch, Bd. 4

    Hg. mit Markus Wirtz unter Mitarbeit von Viktoria Burkert.
    Nordhausen: Bautz 2010
  • Selbstverhältnis im Weltbezug, Teil II.
    Weltphilosophien im Gespräch, Bd. 5.

    Hg. mit Markus Wirtz unter Mitarbeit von Viktoria Burkert.
    Nordhausen: Bautz 2011
  • Absolutheit und Kontingent. Beiträge zum Universalismus/Relativismus-Problem
    Weltphilosophien im Gespräch Bd. 7. Hg. mit Markus Wirtz unter Mitarbeit von Viktoria Burkert.
    Nordhausen: Bautz 2011
  • Sinnhorizonte. Weltphilosophien zur Bildbarkeit des Menschen, unter Mitarbeit von Viktoria Burkert
    Weltphilosophien im Gespräch Bd. 8. Hg. mit Markus Wirtz. Nordhausen: Bautz 2012
  • Sinnhorizonte zur Bildbarkeit des Menschen. Weltphilosophien im Gespräch, Bd. 9.
    Hg. mit Markus Wirtz unter Mitarbeit von Viktoria Burkert.
    Nordhausen: Bautz 2012
  • Die Idee vom höchsten Gut. Annäherung an die Perspektive der Menschlichkeit
     und an die Idee des Göttlichen. 
    Weltphilosophien im Gespräch Bd. 11
     --- Hg. mit Markus Wirtz. Nordhausen: Bautz 2014 
  • Differenz oder das Denken des Denkens. Topologie der Einheitsorte im Verhältnis
    von Denken und Sein im Horizont der Traszendentalphilosophie Kants.
    Schriften zur Transzendentalphilosophie, Bd. 11. Hamburg: Meiner [1996] 2015
  • Hegels Philosophie des Geistes zwischen endlichem und absolutem Denken.
    Weltphilosophien im Gespräch Bd. 14
     Hg. mit Markus Wirtz
    unter Mitarbeit von Florian Bohde, Lars Heckenroth und Dominik Hiob. Nordhausen: Bautz 2016.




Montag, 29. Mai 2017

Joyce DiDonato - Musik als Friedensweg

Besucher-Kommentar nach dem Konzert
Angesichts der furchtbaren Terroranschläge im November 2015 in Paris hat die US-amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato mit einem Programm "War and Peace" reagiert.  Bereits im Dezember 2015 sang sie im berüchtigten Hochsicherheits-Gefängnis "Sing Sing" in New York und rührte die Gefangenen zu Tränen.

Weil die Musik Möglichkeiten hat, Grenzen zu überwinden, hofft sie auch auf die Heilwirkung barocker Klänge. So lässt sie in diesen Konzerten zusammen mit Il Pomo d'Oro, einem bekannten Schweizer Barockensemble, besonders  Händels starke Frauen zu Worte kommen. 
Bei den Konzerten sind die Besucher aufgefordert, nicht nur zu hören, sondern auch auf die Frage zu reagieren und vor dem Nachhausegehen eine Antwort aufzuschreiben: 
Inmitten des Chaos - wie findest Du Frieden?
Karte zum Nachdenken für die Besucher

Sie betont: "Seit Jahrhunderten haben die Schöpfer großer Kunst die Grausamkeiten ihrer Zeit neben göttlichen Momenten der Harmonie geschildert und uns mutig unsere eigene brutale Natur wie auch unsere hohe Menschlichkeit vor Augen geführt. Die Kunst vereint, überwindet Grenzen, verbindet, was getrennt ist, beseitigt Rangunterschiede, mildert Unruhen, bedroht die Macht und den Status quo und erhebt auf wunderbare Weise den Geist. Kunst ist ein beherzter Weg zum Frieden." (aus der Programmankündigung) 
Der Begleit-Titel des Konzerts "Krieg und Frieden" heißt darum bewusst:
Harmonie durch Musik!


Weitere Informationen: inwarandpeace.com/ 


DIe Themen des Programms

Georg Friedrich Händel (1685-1759): "Scenes of Horror, Scenes of Woe":
Arie der Storgè aus "Jephtha", HWV 70
Leonardo Leo (1701-1744): "Prendi quel ferro, o barbaro!" Arie der Andromaca aus "Andromaca"
Emilio de’ Cavalieri (1550-1602): "Sinfonia Rappresentazione di anima e di corpo"
Henry Purcell (1659-1695): Chaconne g-moll, Z 730
Henry Purcell: "Dido’s Lament". Rezitativ und Arie der Dido aus "Dido and Aeneas", Z 626
Georg Friedrich Händel: "Pensieri, voi mi tormentate". Arie der Agrippina aus "Agrippina", HWV 6
Carlo Gesualdo da Venosa (1566-1613): "Tristis est anima mea"
Georg Friedrich Händel: "Lascia ch’io pianga", Arie der Almirena aus "Rinaldo"

Henry Purcell: "They tell us that you mighty powers". Arie der Orazia aus "The Indian Queen", Z 630
Georg Friedrich Händel: "Crystal streams in murmurs flowing", Arie der Susanna aus "Susanna" HWV 66
Arvo Pärt (geb. 1935): "Da pacem Domine"
Georg Friedrich Händel: "Augelletti, che cantate", Arie der Almirena aus "Rinaldo" HWV 7a
Georg Friedrich Händel: "Da tempeste il legno infranto".
Arie der Cleopatra aus "Giulio Cesare in Egitto" HWV 17



Asghar Ali Engineer: Brückenbauer angesichts religiöser und gesellschaftlicher Konflikte (aktualisiert)

Am 14. Mai 2013 starb der bekannte indische Friedensaktivist Asghar Ali Engineer (geb. 10.03.1939). Der studierte Ingenieur stammte aus einer angesehenen Familie der Dawoodi-Bohra, einer reformfreundlichen schiitischen Gruppierung. Sein Wirken konzentrierte sich auf die gleichwertige Begegnung der Religionen und Weltanschauungen. Darum setzte er sich immer wieder für die Befriedung gesellschaftlicher Spannungen ein. Sein Engagement war vorbildlich gegen ethnische und religiöse Gewalt in Indien und Südasien. Das betrifft besonders die Islam-Hindu-Konflikte, die in Indien unter dem Stichwort Kommunalismus debattiert werden.

Als Wissenschaftler gehörte er zugleich zu denjenigen, die eine islamische Befreiungstheologie unter religionspluralistischen Vorzeichen entwickelten. Diese offene interreligiöse Haltung brachte ihm viel Ärger und auch Drohungen gegen sein Leben ein, erschütterten den Friedensaktivisten jedoch nicht in seinem Engagement. Asghar Ali Engineer hielt weltweit Vorlesungen und war auch mit dem englischen religionsplualistischen Theologen John Hick befreundet. Im Buch über die 500 einflussreichsten Muslime weltweit ist auch Asghar Ali Engineer erwähnt.

Er gründete das
Institute of Islamic Studies (1980) und das
Centre for Study of Society and Secularism
(1993)

in Mumbai (Bombay). Engineer griff zugleich journalistisch und schriftstellerisch in die zunehmenden politischen und religiösen Konflikte ein und mahnte zur friedlichen Auseinandersetzung für das Wohl der gesamten indischen Gesellschaft.

Mit  diesem mutigem Menschen hat wiederum einer der großen interreligiösen Brückenbauer die irdische Wirklichkeit verlassen.
Ashgar Ali Engineer-Memorial Lecture, 14.05.2014

Essays zu Ehren von
Ashgar Ali Engineer (2016):

RAJ, P. Prayer Elmo (ed.):

Religion, Politics and Secularism
in India. 
Essays in Honour of
Ashgar Ali Engineer. 
New Delhi: Authorspress 2016, 322 pp. index


 Berichte:



Sein Sohn Irfan Engineer ist schon seit längerer Zeit in die Fusstapfen seines Vaters getreten und führt dessen interreligiöse und gesellschaftspolitische Arbeit fort.
Vgl. dazu: Coastal Digest (Indien) vom 28.03.2012

Weitere Brückenbauer des interreligiösen Dialogs: hier 

Ein persönlicher Bericht von Pfarrer Dr. Jan Slomp, Niederlande (21.05.2013)
Dear Friends,
Thanks for the news about the death of Asghar Ali Engineer.
I have a vivid memory of Asghar Ali Engineer.
In 1991 (31/8-6/9)  he was one of the speakers during the 18th journées romaines.The subject was Who is Jesus for Christians living with Muslims. Asghar Ali Engineer spoke about Hadrat 'Isa Holy Qur'an and Muslim Thinkers and Writers. As he attended the whole conference we had long discussions with him. I was impressed by his openmindedness and courage.I felt at home with him because we has shared the same Indian/Pakistani culture.We lived in Pakistan from 1964-1977. Two years later we met again for a conference in Vienna organized by the ministry of foreign affairs of Austria with about 25 Muslim and 25 Christian participants from all over the world. The subject was Peace for Humanity. In the report which was edited by Andreas Bsteh, and published by Vikas Publishers in Delhi,  one finds via the index that Mr A.A.Engineer made several long and impressive interventions. During discussions in a private group he told us about tensions in India and how he and his colleagues had worked for peace.Doing so was often a dangerous undertaking. The report was also published in German, Urdu and Arabic.
I feel sad hearing the news about his death. He was born in 1939 and everybody had hoped of course that he would continue to contribute to a more peaceful world for many more years. But he worked so hard, and was so devoted to what he did that I can imagine that he had spent most of his energy for the goals he was dedicated to. to. His books e.g on Muslim Women remain thoughtprovoking. It was a privilege to have known him. My thoughts and prayers join those of his beloved in India and elsewhere. Greetings to you who read these lines.


Sonntag, 28. Mai 2017

Schawuot - das jüdische Wochenfest 2017

Das jüdische Wochenfest "Schawuot" bezieht sich
auf das praktizierte Verständnis der 10 Gebote. 

Es ist ursprünglich das Fest der ersten Ernte im Jahr.
So heißt es in  2. Mose 34,22 : 
"Das Wochenfest sollst du mit  den Früchten der ersten Ernte im Jahr halten.
Im Herbst feiert ihr dann die zweite Ernte."


 

Die göttlichen Segenskräfte der Tora, die Mose am Sinai empfing und der mit Gott geschlossene Bund werden im Ritual des Ernte-Danks immer wieder  bestätigt.
Religionsgeschichtlich hat sich u.a. aus diesen jüdischen Erfahrungen
das christliche Pfingstfest entwickelt. 

Schawuot wird am 31. Mai und 01. Juni 2017 gefeiert.



Ramadan: 27.05. - 26.06. 2017 und Fest des Fastenbrechens: 25. - 27. Juni


Innenkuppel der Moschee Lünen
Das Fasten im Monat Ramadan dient den Muslimen als Ritus zur Selbsvergewisserung und als bewusstes Symbol der Versöhnung. Der muslimische Fastenmonat beginnt in diesem Jahr am 27. Mai  und endet vom 25. - 27. Juni mit dem Fest des Fastenbrechens
(arabisch: Id al-Fitr / türkisch: Ramasan Bayram).

Die Verschiebung um etwa 11 Tage gegenüber dem Vorjahr  hängt damit zusammen, dass der islamische Kalender sich nach dem Mondjahr ausrichtet. Der Ramadan 2015 findet also im Jahre 1437 nach der Hidschra (der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina) statt.
Gefastet wird vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang (Verzicht auf Essen und Trinken). Nach dem Gebet wird dann mit Verwandten und Freunden festlich gespeist (Iftar).

Eine gute orientierende Übersicht zum Ramadan bietet die Seite: islam.de
    Eine Besonderheit innerhalb des Ramadan ist noch die Nacht der Bestimmung / Lailat al-Qadr am 18. Juni 2017, in der der Prophet Mohammed die erste Offenbarung empfing (= Sure 97).

    Es hat sich eingebürgert, dass Christen Glückwünsche und Grußworte senden und oft zum Iftar eingeladen werden. Im Internet auch Beispiele für Glückwunschkarten (allerdings nur Englisch).


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    RAMADAN 2017

    ALLEN UNSEREN MUSLIMISCHEN FREUNDINNEN UND FREUNDEN
    WÜNSCHEN WIR EINEN GESEGNETEN MONAT RAMADAN!

      
    Plakat der Ruhtriennale 2016

    Liebe Fastende!
    In diesem Jahr sind die Nächte des Ramadan-Fastens
    in Mitteleuropa  besonders kurz.
    Wir wünschen Ihnen gerade deshalb,
    dass Ihnen aus diesen Erfahrungen der Disziplin einerseits
    und des gemeinsamen Fastenbrechens am Abend andererseits
    neue Kräfte erwachsen.
    In einer Zeit, die durch erschreckende Terroranschläge
     immer wieder alle Menschen erschüttert,
    ist es besonders wichtig,
    die Friedenskräfte innerhalb der jeweiligen Religionen
     sichtbar und wirksam werden zu lassen.
    Hier gilt es mancherlei Missverständnisse und auch Störungen der bisherigen guter Dialogerfahrungen zu überwinden.
    Wir stehen miteinander in Verantwortung
    vor unserem gemeinsamen Gott,
    der das Wohl aller Menschen im Auge hat.

    Wir grüßen Sie mit einem Wort des Propheten Jeremia 29,7:
    "Suchet der Stadt Bestes, denn wenn es ihr gut geht,
    wird es euch auch gut gehen"

    So seien Ihre Fastenwochen besonders gesegnetund auch das Fest  Id al-Fitr / Ramasam Bayram Ende Juni.

    Wir grüßen Sie herzlich 
    von der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A)
    Karin und Reinhard Kirste





    Dienstag, 23. Mai 2017

    Der Liberal-Islamische Bund (LIB): Charta des LIB und Erklärung zur "Homo-Ehe" (aktualisiert)

        
    Zum 23.05.2017, dem Geburtstag des Grundgesetzes, verabschiedet der LIB e.V. seine Charta:



    Im Namen des barmherzigen

     und gnädigen Gottes

    Charta des Liberal-Islamischen Bundes 
    („LIB-Charta“)

    Präambel

    Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und der Verpflichtung, Ihm und mithin Seiner Schöpfung durch den Einsatz für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu dienen, ergeht diese Erklärung. Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das heißt, er ist auf die ethische Prägekraft seiner Bevölkerung angewiesen, um eine am Gemeinwohl orientierte Politik verwirklichen zu können. Wir als muslimische Bürgerinnen und Bürger dieses Staates möchten insbesondere aus unserer Glaubens-Überzeugung heraus zur Stützung und Förderung eines solchen Ethos beitragen und tun dies in der Hoffnung, dabei sowohl in die muslimische Gemeinschaft als auch in die Mehrheitsgesellschaft hinein einen Impuls zu setzen.

    Wir bekennen uns uneingeschränkt zu den im Grundgesetz und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) niedergelegten Werten. Bisherige Menschenrechtserklärungen seitens muslimischer Staaten oder Gruppen zeichnen sich oft dadurch aus, dass entweder die Menschenrechte unter einen „Scharia-Vorbehalt“ gestellt werden oder aber „die Scharia“ unter einen „AEMR-Vorbehalt“, was dem Einsatz für Menschenrechte nicht förderlich ist. Denn hier- durch wird ein vermeintlicher Widerspruch zwischen den Menschenrechten und der Scharia suggeriert, was nach unserem Verständnis der Scharia jedoch nicht der Fall ist: Wir begreifen die Scharia nicht als rechtliches Regelwerk, sondern als (individuellen) ethischen Leitfaden ei- ner jeden Gläubigen und eines jeden Gläubigen. Basierend auf diesem Verständnis ist Sinn und Zweck der Scharia unserer Auffassung zufolge, am Gemeinwohl (maṣlaḥa ʿāmma) orientierte Zustände herzustellen. Dieses Verständnis der Scharia, deren Inhalte immer das Ergebnis menschlicher Interpretationen sind, teilen wir mit zeitgenössischen Reformtheologinnen und Reformtheologen.

    Was das Herstellen gemeinwohlorientierter Zustände im Konkreten bedeutet, muss jede Generation für ihren historischen Kontext von Neuem ermitteln: So enthält der Koran nur wenige konkrete juristische Regelungen, die zudem durch den historischen Kontext des 7. Jahrhunderts bedingt sind. Gleichzeitig enthält er überzeitliche Gebote (wie z.B. das der Achtung der Menschenwürde, Koran 17:70). Da diese überzeitlichen Gebote auch für das 7. Jahrhundert gelten, sind zum einen die historisch bedingten Verse im Lichte der überzeitlichen Gebote auszulegen – das heißt: Jede Auslegung, die z.B. dem Gebot der Achtung der Menschenwürde widerspricht, kann nicht stimmen, da der Koran sonst selbst-widersprüchlich wäre (vgl. Koran 4:82). Zum anderen gibt der Koran mit den überzeitlichen Geboten jeder (späteren) Generation Leitlinien an die Hand, um mithilfe der ihr zur Verfügung stehenden Erkenntnisse und Mittel für ihren jeweiligen historischen Kontext zu eruieren, wie sie diese überzeitlichen Gebote in ihrem jeweiligen historischen Kontext am besten zur Verwirklichung bringen kann.

    Es gibt Musliminnen und Muslime, die mit Verweis auf „die Scharia“ auch heute die Todesstrafe, Körperstrafen, die Ungleichbehandlung der Frau und vieles mehr rechtfertigen bzw. begründen. Jedoch ist die Scharia stets ein hochflexibles, für historische Gegebenheiten und Menschheitser- fahrungen bzw. Erkenntnisfortschritte offenes, d.h. diese bei der Auslegung berücksichtigendes System gewesen. Die Menschenrechte sind das Ergebnis jahrtausendelanger kollektiver historischer Menschheitserfahrung, die der kritischen Gegenprüfung durch die Vernunft und die Menschheitsgeschichte standhalten. Sie sind daher als Bestandteil der Scharia anzusehen und nicht als etwas „Externes“, das evtl. im Widerspruch zu ihr stehen könnte.

    Mit dieser Erklärung soll das politisch-juristische Wertefundament für unser Wirken konzis formuliert werden. Eine detailliertere Ausführung dieser Gedanken bleibt weiteren separaten, ausführlicheren Stellungnahmen vorbehalten.

    1. Die Würde des Menschen ist unantastbar
    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren ...

    Bitte lesen Sie hier weiter (PDF-Datei)
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    Pressemitteilung zur „Homo-Ehe“ , 16.05.2017

    Im Zuge der sich intensivierenden politischen und gesellschaftlichen Diskussion zum Thema „Homo-Ehe“ und anlässlich des morgigen Internationalen Tages gegen Homophobie erklärt der Liberal-Islamische Bund, dass er das Recht auf Ehe für Homosexuelle befürwortet und sich entschieden gegen die Diskriminierung von homosexuellen Paaren ausspricht.

    Der Liberal-Islamische Bund setzt sich seit seiner Gründung theologisch für eine vollwertige Akzeptanz, Gleichberechtigung und Inklusion von Homosexuellen ein“, so Nushin Atmaca,Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. „Grundlage für Partnerschaft ist im Islam die Liebe sowie eine Beziehung auf Augenhöhe, in der sich beide Beteiligten als Subjekte begegnen und ihrer Verantwortung und Pflichten einander gegenüber bewusst sind.

    Der Liberal-Islamische Bund unterstützt Paare bei der Eheschließung, die im Islam ein privatrechtlicher Vertragsschluss ist, unabhängig von der sexuellen Orientierung der Partner*innen, sofern die genannten Kriterien erfüllt sind und mindestens eine Person geschlechterunabhängig Muslim ist. Es ist zu wünschen, dass solche Ehen durch den Gesetzgeber auch säkular-rechtlich als Ehen anerkannt werden. Der zentrale Vers im Koran, der sich mit Partnerschaft und deren wesentlichen Sinn und Zweck beschäftigt, lautet: 
    Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er für euch Partner aus euch selber geschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit bewirkt. Darin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (30:21).
    Grundlage für Partnerschaft ist im Islam also die Liebe sowie eine Beziehung auf Augenhöhe.

    Mit seiner Position vertritt der Liberal-Islamische Bund eine unter deutschen Muslim*innen weit verbreitete Meinung: Laut dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung befürworten rund 50 % der deutschen Muslim*innen eine Homo-Ehe, was mit Blick auf die eindeutige Ablehnung durch die traditionelle Theologie ein hoher Wert ist.

    Auch politisch lässt sich ein Verbot der Homo-Ehe nicht begründen. Sofern argumentiert wird, dass Sinn und Zweck der Ehe Nachkommenschaft sei, müsste die Ehe auch z.B. für Senioren oder zeugungsunfähige Heterosexuelle verboten werden. Sofern argumentiert wird, dass Kinder mit beiden Geschlechtern als Eltern aufwachsen müssten, müsste auch Alleinerziehung untersagt werden. Schon heute werden Kinder von homosexuellen Paaren großgezogen. Dass hierdurch das Kindeswohl gefährdet würde, ist durch keine Studie belegt. Kinder benötigen v.a. Liebe, Geborgenheit und Fürsorge all dies kann auch von homosexuellen Eltern geleistet werden (bzw. wird bereits geleistet).
    Ebenso wenig vermögen juristische Einwände zu überzeugen. Der verfassungsrechtliche Ehebegriff ist schon seit jeher dynamisch ausgelegt worden und nicht statisch im Sinne der damaligen Vorstellungen des Verfassungsgebers.
    Aufgrund seines Selbstverständnisses, jedweder Art von Diskriminierung entgegenzutreten, und der Tatsache, dass weder theologische noch politische und juristische Argumente gegen eine Homo-Ehe sprechen, macht sich der Liberal-Islamische Bund dafür stark, die Ehe auch für homosexuelle Paare zu öffnen.

    DER VORSTAND

    Eine ausführlichere Begründung dieser Gedanken findet sich in der
    Rubrik  
    "Inhalte und Ziele" Positionspapiere: hier

    Mehr über den Liberal-Islamischen Bund: hier

    Denis Diderot und die Aufklärung in Langres (aktualisiert)

    Geburtshaus von Denis Diderot,
    Musée des Lumières
    Die nordfranzösische Stadt Langres ist durch einen Mann von globaler Bedeutung bekannt geworden:
    Denis Diderot wurde dort am 5. Oktober 1713 geboren (gest. 31. Juli 1784 in Paris). Seine Schriften zeichnen ihn als einen der Protagonisten der Aufklärung aus sowohl in philosophischer wie in dichterischer Hinsicht und im Blick auf eine "erleuchtete" vorurteilsfreie Menschlichkeit.
    Die herausragendste Leistung jedoch besteht darin, dass er zusammen mit dem Mathematiker, Physiker und Philosophen Jean-Baptiste le Rond d’Alembert (1717-1783) die große französische Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers herausgab (= Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und der Handwerke)Sie enthält über 72.000  Artikel.
    In dieser Zusammenstellung des gesamten bekannten weltweiten Wissens der damaligen Menschheit schrieb Diderot selbst immerhin 6.000 Artikel !
    Man darf sagen, dass er zusammen mit den anderen Autoren in gewisser Weise den Vorläufer von Wikipedia (mit inzwischen über 1.800.000 Artikeln) erfunden hat. Angesichts der medialen Möglichkeiten des 18. Jahrhunderts liegt ein geradezu gigantisches Werk hier vor uns.

    Es soll an dieser Stelle aber noch angemerkt werden, dass er auch als Dramatiker, Schriftsteller und Philosoph hervortrat. In seiner Kirchen- und Religionskritik stellte er die Deutungshoheit der Kirche über das Verständnis der Welt in Frage und gab den (natur-)wissenschaftlichen Sichtweisen konsequent Raum. Damit stand nicht mehr der Glaube an Schöpfung und Erlösung im Mittelpunkt, sondern die Selbstbestimmung des Menschen, der sich von allen Unfreiheiten löst. Dieses Denken führte ihn mehr und mehr von einer theistischen Sicht zu einer eher a-theistischen Haltung. 
    Diese a-theistischen Gedanken, verbunden mit einem ausgeprägten Toleranzverständnis,
    hat Pierre Bayle (1647-1706), gewissermaßen Diderots geistiger Vorgänger zum Ausdruck gebracht. Vgl.: Pierre Bayle: 
    Toleranz (1686), Suhrkamp stw 2183, 2016: Inhalt, Kommentar, Leseprobe

    Mehr zur Bedeutung von Denis Diderot:
    Stéphane Lojkine & Adrien Paschoud (dir.):
    Diderot et le temps .
    (Diderot und die Zeit) Marseille & Aix: PUP 2016, 328 pp.

    Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt.
                                                                 (aus: D. Diderot: Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu, 1745)

    Diese Haltung war wie bei vielen seiner aufklärerischen Zeitgenossen in Europa durch die Dialektik von raison (Vernunft), sens (Sinnhaftigkeit, Verstand) und sensibilité (Empfindsamkeit) geprägt. Das Schwergewicht legte er auf die sensibilité, die er als eine universale Geisteshaltung beschrieb (sensibilité universelle). Darin besteht die wahre Menschlichkeit:

    "Menschlichkeit - Humanité: Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück abzuschaffen. Sie verbirgt vor uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert dadurch, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Bösewicht die Waffe, die dem guten Menschen zum Unheil werden könnte. Sie verführt uns nicht, uns von besonderen Pflichten zu befreien, sondern macht uns - im Gegenteil - zu besseren Freunden, besseren Eheleuten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in vielen Köpfen bemerkt, aber nur in wenigen Herzen."                                        
    (Encyclopédie: Artikel  Humanité, 8. Band, 1766)



    Langres besitzt mit dem Geburtshaus von Diderot das einzige Museum dieses berühmten Enzyklopädisten in Frankreich: Le Musée des Lumières. Bei einem Rundgang dort werden die BesucherInnen zum einen in das Leben und Wirken von Diderot und einiger seiner Zeitgenossen und aufklärerischen Mitstreiter eingeführt. Zum andern erlebt man ein Stück europäischer Geistesgeschichte nach, die die Welt gesellschaftlich und politisch grundlegend verändert hat. Diderot gehört zu den visionären Protagonisten einer Zeitenwende hin zum "Licht des Geistes" und damit zu den Protagonisten für eine aufgeklärtes, idealistisches Menschenbild.
    Vgl. das Schema zu den verschiedenen Typen der Menschenbilder im Blick auf Menschenwürde und Menschenrechte.
    Diderot ist in einem Zuge neben vielen anderen zu nennen - mit Immanuel Kant, René Descartes, Wilhelm Gottfried Leibniz, Voltaire, Jean Racine, Gotthold Ephraim Lessing und Jean-Jacques Rousseau. 


    Denis Diderot - Porträt im Museum



     
    Place Diderot im Zentrum von Langres




    Europa der Aufklärung
     Die Reisen von Diderot bis nach Russland





    Diderot und die Kunst


    Madame de Pompadour (1721-1764)
    Mätresse von König Ludwig XV.,
    Förderin von Diderot


    Die Herausgeber der Enzyklopädie:
    Jean-Baptiste le Rond d'Alembert und Denis Diderot


    Präsentation der Gesamtausgabe


    Erscheinungsjahre der einzelnen Bände





    Denis Diderot,
    gemalt von Dimitri Levitzky 1773/1774
    (Wikipedia.fr)